Spielbericht: Cendara 1

Ausschreibung im larpkalender.ch: „Herzog Sigurd von der Westmark hat die Herrscher der angrenzenden Ländereien der Westmark eingeladen, um das Problem der einfallenden Nordländer zu besprechen. Ausserdem braucht er, neben Weiterem, noch kampffähigen Adel aus der Westmark, zusätzlich studierte Berater, Söldnertruppen und Kämpfer, Geistliche, Ingenieure, Seeleute und andere Leute, die ihm helfen können, einen Plan gegen die Nordmänner zu erstellen und durchzuführen.
Der Treffpunkt ist geheim. Die Eingeladenen wissen, dass es sich um ein kleines, abgelegenes Kloster im Gebirge der Westmark handelt.“

Hörte sich ganz gut an und ich hab mich entschlossen mit dem Charakter “Gaudenz von Boldewyn” da aufzutauchen. Ursprünglich war der mal als Turnierritter gedacht, aber was solls, es ist neben dem  Obrist Tristan der einzige cendarisch erfahrene Charakter. Und Tristan dazu nur NSC. Rüstung und Waffen sind ausgeliehen, nur die Wisbyhandschuhe und der Schaller sind meins. Ich habe mich aber dafür entschieden, möglichst wenig noch vorzubereiten, und nur eine neue gezaddelte Gugel genäht.

Cendara 1-1
Boldewyn mit gezaddelter Gugel

Unglücklich auf dem Bild, da sieht man dass der Kendra einfach Stoffreste der alten/ersten Cotehardie genommen hat. Naja, Farbenschema, Ritter und so… Zipfelmütze ist halt der riedhburger Mode zugedient, da trägt man sowas.

So, zum Spiel. Was ist überhaupt passiert? Wie angekündigt, hat Herzog Sigurd der Westmark zur Beratung eingeladen. In einem abgelegenen Kloster hat der Herr der Westmark – und dessen Spieler – eisernen Durchhaltewillen bewiesen. Schon am Freitagabend hat er mit seinen Gästen gesprochen, lange, anhaltend und jede noch so alberne Idee angehört. Dazu haben offensichtlich “die Nordleute” oder ein Teil ebenjener von der Konferenz erfahren, und versucht das Kloster auszurauben. Boldewyn hat schwer einstecken müssen, war aber nicht der Einzige. Eher unerwartet kam die Tatsache, dass eine Handvoll Stichspeere bei den NSCs im Einsatz war, da war mein Angriff mit dem Schwert schon grenzwertig dumm… Im Lauf des Samstags haben sich dann mehr Hinweise über die Nordleute, ein schwacher Einblick in allfällige Hintermänner und Sigurds Mann Gerhard hat mit Hilfe von Tiberius, dem Zauberer Dagor und Ritter Gaudenz (mir selber) einen falschen Geheimpolizisten entlarvt: Es war ein eingeschleuster Nordmann. Als er als Übersetzer bei einer Unterredung mit den Nordleuten dienen sollte, versuchten ebendiese ihn zu töten. Danach hat ihn ein Gefolgsmann der Fürstin von Weitenblick zu Tode getrieben. Ich war als Spieler – nicht als Charakter – nicht gewillt, da einzuschreiten und mich mit den Folterknechten zu befassen. Scheinbar finden es manche Leute einfach lustig, Folter zu spielen um ihre Härte zu demonstrieren. Oder es macht ihnen Spass – ich kann es mir nicht erklären.

Im Laufe des Nachmittags hat Herzog Sigurd das Kriegsrecht ausgerufen und alles mobilisiert was da war – damit war es nur noch mittelschwierig, das Lager der Nordleute auszuheben. Dabei habe ich – Boldewyn – eine Gefangene gemacht. Die Frau hiess Ranja, konnte nur fremd schwätzen und hat mich und einen Teil der Spieler mehrere Stunden lang gut beschäftigt. Danach hat die Orga wohl extra deswegen eine kurze Bauernstory eingebaut, so dass ich die Gefangene eintauschen konnte. Ein armer Bauer wurde damit sehr glücklich gemacht.

Sophie
Sophie v. Weitenblick mit Bruder Oskar

Samstagabends haben sich die Spieler zwischen Taverne, Feuer und Hügel verstreut – im Freien hatte es starken Föhnwind und es wurde friedlicher und übliches Schwatzen-und-Singen-und-Trinken setzte ein. Sonntagmorgens wurde noch gespielt, aber nur eine sichtbare Aktion. Die wird kampagnenweit noch etwas zu bedeuten haben und war hat zu viel Spekulationen verleitet. Ein ganzer Trupp toter Westmärker, die ohne sichtbares Zeichen einfach tot umgefallen sind. Auf Nachfrage bei den Pekarbrüdern im Kloster hat es allerdings nichts mit schwarzer Magie zu tun – denn als dieses gilt laut Klostervorsteher nur, wenn Tote wiederaufstehen.

Fazit aus dem Spiel
Es hat gefallen. Und zwar aus folgenden Gründen: Die Orga hat im Vorfeld stark eingegrenzt, was sie auf Platz haben will. Sie hat ebenfalls sorgfältig Gruppengrössen beschränkt und damit Abstriche gegenüber den Hochadligen gemacht – aber damit ein viel besseres Gesamterlebnis aus der Location herausgeholt. Das Essen war sättigend, lecker und stand bereit. (Keine Experimente mit Mehrgängern oder “das beste Essen im Larp seit 1995“, sondern gut zubereitete Speisen, die sättigend und lecker waren.) Die Klosterinsassen haben ein eigenes Leben als Klostergemeinschaft gezeigt, was mehr als nur NSC-auf-Spielerseite war. Die Nordleute waren optisch vom Rest unterscheidbar und haben mit ihrer Sprache sehr viel Flair geschaffen. Und zum Schluss noch: Ich habe immer das Gefühl gehabt, dass neben meinen Aktionen (die ich im Umfeld Sigurds getätigt habe) noch mehr läuft. Bibliothek, Spähdienste, Gespräche mit Klosterinsassen, all das war mehr als nur ein geradliniger Plot.

Selbstkritisch muss ich sagen – ich glaube, ich vertrage zuviele Treffer im Larpkrampf. Aber etwas rumfragen muss ich noch, bin aber in der Hinsicht mit mir unzufrieden.

Wünsche und Aussicht
Das Spiel war das erste der “Cendara-Trilogie”. Ich hoffe, die Orgas des zweiten und dritten Spiels gehen den Weg des breit gestreuten und nicht deterministisch wirkenden Plots weiter. Ich hoffe, die erspielten Infos und die “Bekanntschaft” mit Ranja gehen weiter. Und ich hoffe, Cendara wird durch das Zusammenhängen der Spiele schöner, und nicht elitärer.

Generationenwechsel

Bis zum nächsten Spiel vergehen Monate. Zum einen ein Grund, mehr Brettspiele zu brauchen, oder sogar mal ganz unspielerisch irgendwo ausgehen. Zum anderen aber auch, um mal angefangene Artikel fertigzuschreiben. Am 22.2.2011 hatten wir am Stammtisch Zürich einen nordischen Gast. Däne, und mit sich hatte er fremde Theorien, interessante Konzepte und einige Bücher über Liverollenspiel. Das hat mich in meiner (dunklen?) Ahnung bestätigt, dass Liverollenspiel wesentlich vielfältiger ist als die Schweiz derzeit zeigt. Viele Ideen&Konzepte brauchen jahrelanges Spiel von Personen, die sich intensiv mit der hintergründigen Theorie, mit Spielmechanismen und Varianten beschäftigen. Und an derartigen Spielern mangelt es der Schweiz, meiner Meinung nach aus folgendem Grund:
Irgendwo Mitte 1980er hat Habakuk in der Schweiz mit der Tikon-Kampagne begonnen. Ebendiese Kampagne blieb über lange Zeit im Fantasy-Mittelalte-Liverollenspiel bereich fast alleine. Doch irgendwo zwischen den Jahren ~2000 und ~2005 gerät Tikon immer mehr in den Hintergrund. Die alte Spielerschaft fiel weg, ins Reenactment, nur noch auf ausgewählte Spiele, ect. Doch mit Osgallon, Riedhburg und Uruloki waren Spiele zu finden – und über das Internet auch “klassisches generisches 0-8/15-Fantasylarp”. Wie öfters, fanden sich neue Spieler zu neuen Gruppen – ohne den umfangreichen Tikon-Hintergrund zu beachten. Selberausdenken macht einigen ja auch Spass. Weils so nett war, schimpfte man über Punktespiel, und das in der Schweiz alles cooler und härter sei. Banausen, diese Grenze ist im Kopf, und nicht am Rhein…

So ist die Szene allgemein jünger geworden. Zwischen ~2005 und ~2008 konnte man in der Schweiz seltener “Gruppen” sehen, deren Mitglieder 30+ waren. So kam es, dass die älteren beiden Orgas eigener wurden (Riedhburg & Osgallon), und vorrangig die Stammspielerschaft bedienten. Das ergab neue Spiele, von tendenziell unerfahreneren Orgas und unerfahreneren Spielern.

Langsam wird die Szene derzeit älter, und nimmt mehr Gestalt an. Nischen werden besetzt, die in Deutschland schon lange klar sind, wie gemeinsame Hintergründe, Ritterspiel, ein Hintergrundland mit Macht. Die Ansprüche steigen mit dem Alter der Spieler.

Da sind wir jetzt mittendrinnen – und die “alten” Gruppen müssen sich neu erfinden. Oder sterben. Oder spalten. Denn mit 0-8/15 kann man nicht mehr brillieren, das sah man oft genug. Und, zum Schluss wieder zum dänischen Gast am Stammtisch in Zürich – vielleicht bekommen wir tatsächlich nach und nach wieder ein Bild, welches nicht nur in Fantasy und Mittelalter gemalt wird. Sondern auch experimentiell, zweisprachig (Leben sie noch? Spielen sie noch?), “alternativ”, 21-Jahrhundert-Fahrende/Zigeuner-Kampagne. Liverollenspiel bietet mehr als Fantasy-Action und Beinahe-Historisch.

Jahresrückblick

…wird zwar eigentlich eine Schnapsmelange aus einer schaffhauser Küche genannt, aber ich werde das Mal zweckentfremden.

Mein Larpjahr hat mit “Schatzjagd im Düsterwald” angefangen, und mit “Traumweber 3” aufgehört. Dazwischen waren acht Spiele in der Schweiz und vier in Deutschland, insgesamt 14 Stück. Wobei zwei davon die Grosscons Drachenfest und Conquest of Mythodea waren. Eigene Spiele habe ich keine organisiert, Riedhburg hat pausiert. In gut der Hälfte war ich als NSC auf der Teilnahmeliste, darunter einmal als Räuberhauptmann “Josef Strauss d. Ä.” und zweimal mit dem Wolfswesen-Kostüm “Rruad”. Einmal generischer NSC und sonst in Festrollen.

Was hat mir gefallen? Sicherlich die bodenständigen Spiele in Düsterwald und im Kantenland (Unter Ahlfelds Fahne). Nicht überwältigend hängengeblieben sind die Taverne im Sichelwald, das Heldenfest in Siebenstadt und die Kaiserwahl in Cendara, auch wenn ich von keinem als “Reinfall” oder sonstwie abschätzig schwatzen würde. Sie haben alle Spass gemacht, und die ganz tollen Spiele erkenne ich daran, dass ich am Sonntag “eigentlich noch bleiben will”. Dieses Jahr ist mir das am “Weisse Taube” und am “Ahlfeld” passiert. Und toll in Errinerung habe ich auch das mit Sprengfallen verminte Zimmer auf der Rigi – Doppelmond 3 mit seinen selbstmörderischen NSC.

Am “Nebellegenden 12” habe ich eine beängstigende Vorliebe für falsche Bärte entdeckt, und diese sofort in den Fotogeschichten von Riedhburg (als Vorbereitung zum Riedhburg 19) eingebaut. Dort war zudem eine gute Grundstimmung, und ich musste schnellstens lernen, wie man einen doofen Dialekt richtig anwenden. In der Jahresmitte habe ich zusammen mit Seegras als Möchtegern – Franzosen halbwegs schlechtes Französisch gesprochen – auch das war eine interessante Sache. Zu einen sehr anspruchsvoll durch die Mischung aus Schweizerdeutsch und Französisch, zum anderen durch unsere Aufgabe im Spiel als “Spiel” der Landsknechte. Wir haben ja nie geübt, sondern sind einfach mit Trommel und Flöte losgezogen. In der zweiten Ferienwoche, am Conquest of Mythodea dann sind wir als P&A Handelscompagnie aufgetreten, und haben Soleks und Teilhaberscheine verkauft. Erstaunlicherweise hat gerade das mit den Teilhaberscheinen gut geklappt.

Ich bin der Meinung, dass die grösste aktive Kampagne in der Schweiz, das Kaiserreich Cendara einen grossen Vorwärtsschritt im 2010 gemacht hat. Das Reich wirkt – auch durch die NSCs, welche als Fürsten an der Kaiserwahl anwesend waren – kaum mehr wie ein lockerer Zusammenschluss einiger Organisatoren, sondern je länger je mehr wie eine farbige Spielwelt, ein Tummelplatz dutzender Kulturen und als Fantasy-Feudal-Reich.

Für das jetzige Jahr, 2011, sind auf meinem Kalender bereits vier Spiele notiert. Dazu will ich nach St. Ursanne zum “Marché Medieval”, einfach weil das Städtchen soooo hübsch ist. Was wünsche ich mir sonst noch? Wie immer, homogenisierte Spiele mit engem Bezug. Ein weiteres Traumweber, und ein gelungenes Riedhburgspiel im Mai. Und ein paar Tausend Franken, möglichst bereits in Wolle, Seide und Brokat. Ich nehm’s aber auch bar.

Breite und Tiefe eines Spiels

Ich schreibe sorgfältig auf, an welchen Spielen ich war, was ich dort gespielt habe, und wann es war – zumindest mache ich das sorgfältig, seit ich bemerkt habe, dass ich bei gewissen Spielen nicht mehr mal sicher bin, in welchem Jahr sie stattgefunden haben. Kanns geben, aber etwas peinlich ist es mir ja schon.

Und jetzt sammeln sich langsam einige Charaktere an, die mehr als nur ein, zwei Spiele gespielt wurden. Und langsam mag ich entsprechende Rollen auch, so dass ich mich dabei erwische, wie ich bei der Ausschreibung im Larpkalender abchecke, ob ich “als Yori” hingehen kann, oder vielleicht mit dem Reisläufer Nathan. Doch nicht immer bin ich mir sicher, ob es passt – die Ausschreibungen im Larpkalender sind meistens etwas mau. Gleichzeitig errinere ich mich gerne an mein intensivsten Spiel, “Swiss Guantanamo”. Und bei ebendiesem hatte ich absolut keinen Einfluss auf auf meinen Charakter, ich bekam ihn vom Organisator zugeteilt.

So stehen sich meiner Meinung nach zwei ganz grosse Brocken gegenüber: Ein intensives Szenario, in dem die Charaktere aufeinander zugeschnitten sind (Szenario hat viel Tiefe), und ein intensives Charakterspiel, in dem das Szenario auf die Charaktere zugeschnitten ist (Charaktere haben (bereits) viel Tiefe). Beides hat Vor- und Nachteile. Während ersteres, ich nenne es jetzt mal “Szenario-Spiel” eine gewisse Spontanität der Spieler erfordert, braucht letzeres, nenn’ ich jetzt mal “Charakter-Spiel”, einen guten Informationsfluss von Spielern zu Organisatoren.

Die Vorteile beider Systeme liegen auf der Hand. Während “Szenario-Spiel” das Ganze für den Organisator leicht lässt – er weiss, was alles an Potential vorhanden ist, ist das “Charakter-Spiel” für die Spieler ansprechender, denn sie können Stammcharaktere mitbringen. Die Nachteile beider Systeme sind schwerer zu erfassen. So war es für mich bisher immer klar, dass ich mir einen zur Spielausschreibung passenden Charakter erstelle/adaptiere, damit ich auf Platz mich möglichst passend ins Spiel einbringen kann. Doch offensichtlich ist das nicht die Regel – zumindest in der Schweiz nicht – und ab und an stand ich völlig falsch da. Oder sah Andere falsch dastehen:

Heldenfest – Alle Anwesenden, die tatsächlich als Helden da waren…
AdAsburdum1 – Alle, die sich tatsächlich auf eine Gräfin und ihre Jagd eingestellt haben…

Beide Beispiele hat die Orga einen Plot geschrieben, der gegenüber der Ausschreibung Vorrang hatte. Beide Male waren Überraschungen eingeplant – und beide Male waren die Spieler, welche ihren Stammcharakter mitgebracht haben begeistert. Oder mindestens eher begeist als jene, die sich auf die Ausschreibung eingelassen haben. Was will ich damit sagen?

Zum einen, dass es auf die Dauer der Spielerschaft selber schadet. Wenn man zu jedem Spiel seinen Stammcharakter mitbringen kann, wird das Charakterspiel einen bedeutend höheren Stellenanteil bekommen als das “Szenarien bespielen”. Es besteht ein Risiko, dass man nicht mehr wegen des Spieles hingeht, sondern um die Charaktere (Oder die Spieler) wiederzutreffen, die man kennt. Zum anderen werden die möglicherweise intensiveren Szenarien nicht mehr angeboten – denn was niemand kennt, spielt auch niemand. In diesem Sinn lobe ich jedes Organisationsteam, welches restriktiv Charaktere ablehnt, und das zugunsten eines tieferen Spiels.

Für: Weniger Waldläufer im Tanzsaal – Weniger Hochadel in Tavernen – Weniger reine Unterhaltungscharaktere an Kriegsspielen.