Werteverstellung

Ein paar Gedanken zum Gutmenschen und dem Bösewicht in einem Liverollenspiel. Wie ich gerne schreibe, auch diesmal mit einem konstruierten Beispiel:

Ein NSC, der wenig zu tun hat, macht sich auf, die Spieler zu beklauen. Er wird erwischt (Womit das OT-Ziel erreicht ist, weil etwas passiert), und per sofort schaltet die Spielerschaft mangels anderem Wissen auf das ihnen Bekannte um. „Gericht“, „Verteidiger“, „Beweise“… die Worte sind schnell da, und fallen alle an verschiedenen Orten auf Platz synchron… und führen zur anschliessenden Verhandlung.

Unser (outime) vorherschendes GutBöse-Schema ist auf westlich-christlichen Werten aufgebaut. Und wird meistens unvoreingenommen in die Fanatsywelt adaptiert. So kommt es, dass „Mord und Totschlag“ in jedem Fall als böse gekennzeichnet wird. (Während das Wort „Ehrenmord“ bereits in den Balkanstaaten ein ganz anderes Gewicht hat). Diebstahl wird nicht so arg bestraft wird wie Totschlag, und Trunkenheit kann mildern gewertet werden. Doch bereits noch vor ein paar hundert Jahren war dem nicht so, und Sachwerten und Menschenleben wurde ein anderer Stellenwert zugemessen.

Warum wird in Religion und Hintergrund, in Ausrüstung und Austattung ein so grosser Wert darauf gelegt, dass man sich von modernen Massstäben abhebt – und beim Schema von Gut-und-Böse völlig auf die uns bekannten Werte setzt? Was ich mir wünschen würde ist ein anderer Massstab. GregorH hat das im Larpwiki schön beschrieben, wie man eine Einstellung einsetzen kann.

Ich wünsche mir, dass sich unsere Outtime-Stellenwerte von denen im Spiel unterscheiden. Das Prinzipien wie „Demokratie“, „Menschenleben“, „Sachwert“, „Untertanen“, „Verantwortung“ und dergleichen anderst gewichtet werden. Dass eine Fantasywelt aus mehr besteht, als eine hübschen Karte, einem Grüppchen Leute und etwas Kopfkino der Initianten.

Abtarnen von OT-Gegenständen

Ich war neulich auf einem Liverollenspiel mit historischem Hintergrund, genauer gesagt, haben wir das Jahr 1774 bespielt. So gut das eben ging. Da wurde von der Orga eine Regel herausgegeben, welche Fotoapperate und Kameras betraf, und zwar folgende: „Kameras müssen getarnt werden, und dürfen nicht als solche erkennbar sein. Wenn jemand eine vor der Brust hält, und es erscheint der Eindruck: Man hält eine Holzkiste, so ist das Ziel erreicht.“

Das erscheint mir auf den ersten Moment an sinnvoll. Die Orga will ein möglichst stimmiges Bild erhalten, in welchem Gegenstände, welche nicht ins Setting passen (1774) nicht existent sind. Oder zumindest nicht als solche in-time ersichtlich sind.
Doch da beginnt es bereits mit der Kontroverse: Während des Spiels lag da ab und an eine Stoffhülle mit Loch auf dem Tisch, hier ersichtlich.

Dieser kleine Kasten störte mich im Verlauf des Spieles immer mehr. Denn jeglicher Abtarnung zum Trotz, es blieb durch die Verwendung immer eine Kamera. Die ganze Handhabung, das Loch vorne, alles schrie geradezu immer „Kamera“. Denn dadurch, dass sie in eine Stoffhülle gepackt war, wurde der Gegenstand zu einem In-time vorhandenen Gegenstand. Man kann ja in der Theorie auch einen Lautsprecher abtarnen – doch seine Verwendung wird immer nur ein fadenscheiniges „Kobolds-Technik“ hervorrufen, denn es bleibt ja allen immer klar, was es ist.

Warum können Rollenspieler ganz gut einen Hochspannungsmast in Sichtweite des bespielten Hauses ignorieren, doch sich an einer Kamera aufregen? Oder an einem Tape-Kreuz an einer Tür, einem Holzkasten an der Wand? Oder an einer SL-mit-Schärpe? Schliesslich mag fast jeder schlussendlich ein Foto von sich, in seiner Kleidung, bei einer tollen Aktion oder beim Posing.

In diesem Sinn: Lasst den Fotografen ihr Gerät. Es ist nicht zuviel verlangt, einen Gegenstand in Gedanken auszublenden, anstelle davon, ihm eine unzureichende Intime-Existenz aufzudrücken.