Haithabu-Schuhe – endlich brauchbar!

Ich habe die letzten Jahre ein Faible für (Larp-)Schuhe entwickelt. Nachdem ich letzthin mein allererstes Paar wieder hervorgekramt habe, habe ich auch festgestellt, dass ich da durchaus Fortschritte gemacht habe: Von „Ich muss es selber machen“ zu „Es sieht okay aus und ist tragbar“. Dazwischen waren zwei zu klein geratene Exemplare, die schnellen vom Freitagabend und die nicht einmal im Blog aufgetauchten und noch nicht fertiggestellten „zu kleinen Schuhe„. Dabei musste ich mich neuen Begriffen (Brandsohle? Zwicken? Durchgenäht? Stossnaht? Sohlenleder?) und neuen Techniken beschäftigen, die ich zuerst oft einfach ignoriert habe… dabei wäre es auch da sinnvoll gewesen, sich etwas tiefer einzulesen als nur gerade die ersten beiden Google-Such-Resultate zu konsultieren. Irgendwo im Hinterkopf schwebten immer wieder Bilder, die aufzeigten, das es möglich sein müsste (Mein Lieblingsbild dazu).

Ein erstes Highlight ergab sich am Beringar 1 (Spielbericht), als ich mit selbstgenähten Schuhen auf den Gotthard wandern konnte. Ich kam beim Tempo der Mitwanderer mit und habe den Nutzen eines stabilen Wanderstabs das erste Mal direkt erlebt. Nun habe ich vorletzte Woche in rund 20 Arbeitsstunden ein weiteres Paar gemacht, auf das ich richtig stolz bin.

Vorlagen habe ich aus:

Und Techniken, Hilfestellungen und grundlegende Konzepte aus:

Ergebnis

Haithabu-Schuhe
Haithabu-Schuhe

 

Haithabu-Schuhe, ohne Lederfett

 

Ich bin stolz drauf, sehr stolz. Es tut mir leid dass ich eine Menge Leute am ersten Spiel, an dem ich sie trug, mit meiner Faszination beschwatzt habe, es war wirklich nur ein Zeichen meiner Freude – und vielleicht ein bisschen Anerkennungs-Hascherei.. 🙁 )

Es wird nicht das letzte Paar gewesen sein. Für diesen Sommer werde ich sie tragen und zwar so oft ich kann. Das nächste Paar wird allerdings nicht für mich, sondern für meine Freundin sein… sie hat Bedarf und ich habe immer wieder betont, dass sie von mir „hübsche Wiki-Stiefel“ kriegt, alsbald ich „brauchbare Schuhe“ nähen kann. Also ab jetzt.

Mein ersten Larpschuhe

Ich habe sie, mit viel Elan, 2004 rum selber gebaut. Sie sind aus solider Eiche und aus Lederresten vom Polsterer um’s Eck. Ich bin irgendwie doch noch stolz drauf.

Erste Larpschuhe
Erste Larpschuhe
Erste Larpschuhe
Erste Larpschuhe

Aus eigener Erfahrung kann ich sagen: Es ist wie mit Trippen. Eigentlich eine ganz coole Sache, aber alles in allem schmerzhaft, wenn man lang drauf rumlaufen muss.

Zeit und Geld, oder „Wie man auf beide nicht verzichten kann“

Wenn ich Liverollenspiel als Hobby betreibe, dann brauche ich dafür – vor allem im breiten, grossen und stark vertretenen Fantasylarp – ein Minimum an Ausrüstung. Bereits die Larpwiki-Seite für Anfänger hat überproportional viel Infos zur Ausrüstung zu bieten. Und oft hört man dazu, dass sich „dieses“ oder „jenes“ ganz einfach selber machen lässt. Oder dass man es günstig „dort“ oder „bei diesem Händler“ kriegen kann. Das Hauptproblem dabei ist, dass sich die Larp-Realität (Was für ein Ausdruck) stellenweise deutlich von der anderer Vorlagen – Film, Buch, Bild – unterscheidet. Was also genau „gute“ Ausrüstung ist, braucht schlussendlich Erfahrung, die sich weder auf Youtube noch im Larpwiki holen lässt. Es muss also von irgendwoher Ausrüstung herangeschafft werden. Dazu sind zwei Möglichkeiten vorhanden:

  • Einkaufen! Internetshopping ist ein Hobby, das definitiv glücklich machen kann. Für viel und wenig Geld kriegt man online zwischen historischer Unterwäsche und ledernden Kleidungs/Rüstungsteilen von Runa Rian alles. Schaumstoffwaffen aus Kanada? Kein Problem. Schuhe aus Italien? Kein Problem. Schuhe aus Kalifornien? Kein Problem, bei dem habe ich selber schon bestellt. Und „Alles, was man möchte“ gibt es bei lederkram.de. Auf jeden Fall basiert diese Variante auf Geld.
  • Selbermachen! Ob Nähen, Waffenbau, oder Liverollenspiele organisieren, für alles gibt es Anleitungen. Ob auf Pinterest, Youtube oder per Google-Suche, für Alles findet man irgendwo eine DIY-Anleitung. Es braucht Nähzeug, Nähmaschinen, Ledersonderspezialklebestoff und eine Tricot-Nadel. Vielleicht auch einen „Extra-Spachtel für Larpwaffenbau“. Auf jeden Fall basiert diese Variante auf Zeit.

Mit beiden Varianten kann man, ein bisschen Übung und Erfahrung vorausgesetzt, solide Ergebnisse erreichen. Leider aber scheint immer mal wieder die Idee durchzuschimmern, dass man auch ohne Geld oder Zeit etwas erreichen kann. Doch wenn man auf beides verzichtet, fehlt jegliche Grundlage um an eine Ausrüstung zu kommen, die sich optisch von einer Brockenhaustour, gemischt mit Alternativ-Style und etwas Cachet abhebt und halbwegs plausibel eine fremde Kultur darstellt.

Vor ein paar Jahren gab es über das larper.ning die „50 Tage 100€“ – Challenge, die mehrfach wiederholt wurde (Derzeit läuft etwas ähnliches für das Epic Empires). Dort gab es tatsächlich Leute, die mit wenig Geld viel erreichten. Auch ich selber arbeite oft mit geringem Budget und behaupte, dass meine Ausrüstung durchaus gut bis sehr gut gearbeitet ist. Doch daran ist ein Haken: Niemand der Challenge-Teilnehmer ist mit wenig Erfahrung gestartet. Alle, inklusive mir, mussten über Jahre viel Geld reinstecken (bzw. verlieren), ehe mit der Option Zeit brauchbar gearbeitet werden konnte.

Larp mit Geld geht, Larp mit Zeit geht auch. Mit Übung kann man eines der beiden durch das andere ersetzen: Geld sparen und viel selber machen oder Zeit sparen und viel kaufen. Aber ohne Zeit auch noch Geld sparen, bedeutet meistens einfach nur, dass man Schrott produziert und vor lauter Abstrichen kein Konzept mehr nachvollziehbar aufzeigen kann.

Taschenumbau

Anlässlich des Drachenfestes kam eine Gürteltasche zu mir. Für das Landsknechtslager gelten etwas andere Regeln als für die Drachenlager, ähnlich den Themenlagern auf dem Epic Empires. Daher liegt auf Optik etwas mehr Augenmerk und aus diesem Grund habe ich ganz unspektakulär den ebay-Kauf einer Bekannten namens „Nierentasche“ zu einer Nierentasche umgebaut.

Das Material zuerst:  Das Leder ist, so vermute ich, chromgegerbt und mit Sicherheit Spaltleder. Anhanden der Schnittkanten könnte es ein Versuch einer Rotfärbung sein. Mit Sicherheit ist es schwarz. Vernäht war es mit schwarzem Nylonfaden, und die Schnalle und das geflochtene Riemchen waren mit schwarzem Leinenzwirn („Sternlifaden“) angenäht.

Tasche Original
Tasche Original

Was mir nicht gefällt:

  • Der Verschluss. Die Schnalle ist gut, der geflochtene Riemen und die direkte Aufnähung gefallen mir nicht
  • Die Form. Höher als breit, entspricht nicht dem typischen Bild
  • Die Aufhängelaschen sind viel zu lange

Der Plan ist also, die Tasche breiter als hoch zu machen und die Aufhängung zu verkleinern, dazu den Verschluss optisch den Nierentaschen den 15. Jahrhunderts anzupassen. Dazu wird erst einmal „Material beschafft“:

Material "erschaffen"
Material „erschaffen“

Reicht nicht, aber ich habe ja noch mehr zur Verfügung und drehe die Tasche auf links und zeichne an, was ich abschneiden will. Damit soll die Tasche breiter als hoch werden, die Löcher des alten Verschlusses werden entfernt und ich gewinne noch mehr „wertvolles“ Material. Dann einmal durchatmen, anschliessend abschneiden:

Material "gewinnen" II
Material „gewinnen“ II

Dann wird erstmal die Tasche neu vernäht, nach dem Vorstechen der Löcher mit einer Ahle gehe ich fix mit dem Ledernäher drüber. Der Lochabstand, 7-9mm, ist freihändig ohne abzumessen gewählt.

Neu vernähen
Neu vernähen

Dann wird die Klappe, die die sichtbare Front der Tasche bildet, optisch etwas angepasst. Ich schneide eine Spitze vorne raus, damit die Tasche gefüllt etwas mehr in Richtung „Nierentasche“ geht.

Frontklappe anpassen
Frontklappe anpassen

Nun brauche ich neue Riemen. Zwei, um als Laschen etwas kürzer zu fungieren, einen langen schmalen um die ganze Tasche herum, welcher den Verschluss bilden soll. Erstmal aus dem unten abgeschnittenen Resten zwei neue Aufhängelaschen gemacht, die mir zwar etwas zu kurz und schmal sind, aber ich will das Material nehmen, das vorhanden ist. Aus den ehemaligen Aufhängelaschen, die ich schmaler geschnitten habe, wird durch Annähen der Schnalle ein Verschluss geplant.

Die beiden neuen Aufhängelaschen werden angenäht.

Neue Aufhängelaschen
Neue Aufhängelaschen Neue Aufhängelaschen

Nach dem Annähen der alten Schnalle…

Alte Schnalle wiederverwendet
Alte Schnalle wiederverwendet

… wird der Riemen an die Tasche genäht…

Umlaufender Verschlussriemen
Umlaufender Verschlussriemen

… und dann, da er in der Länge nicht ausreichte, zusammengesetzt.

Verschlussriemen angesetzt
Verschlussriemen angesetzt

Naja, wer es genau ansieht, bemerkt dass ich einen Denkfehler gemacht habe. Ich musste etwas wieder aufmachen und neu nähen. Ich verrate aber nicht genau, was. Aber egal, ich bin gespannt, wer es bemerkt.

Zum Schluss für das Foto habe ich etwas Polster reingesteckt. Der geflochtene Riemen ist im Laufe der Arbeit verschwunden, „schade“, aber mit dem Endergebnis bin ich zufrieden.

(optisch) neue Tasche
(optisch) neue Tasche

Fazit: Rund eine Stunde Arbeit. Das Leder ist angenehm zum anfassen, schnell genäht und geschmeidig. Man kann auch mit wenig Aufwand etwas aus einem „interessanten“ Kauf von ebay machen, aber man braucht etwas Übung dafür. Das Ziel, die Optik einer Nierentasche zu erreichen, wurde auf jeden Fall erreicht.